Fortgeschrittene
Lektion 10
9 min

Was sind ICOs und IEOs von Blockchain-Unternehmen?

Von Börsengängen (Initial Public Offerings, IPOs) über Crowdfunding-Plattformen bis hin zu Initial Coin Offerings (ICOs) hat sich die Welt des Fundraising innerhalb kurzer Zeit grundlegend verändert.

  • ICOs oder Token Sales sind Online-Veranstaltungen, bei denen Investoren ein Projekt finanzieren und im Gegenzug Token erhalten
  • 2013 veranstaltete der Softwareentwickler J. R. Willett das weltweit erste ICO (Initial Coin Offering) für sein Mastercoin-Projekt
  • ICOs wurden durch das Ethereum-Netzwerk und seinen ERC20 Standard populär und verwandelten die Welt der Blockchain in eine eigene Branche
  • Ein Whitepaper mit allen Projektdetails für Investoren ist ein grundlegendes Element jedes ICOs
  • ICOs gelten als revolutionär, da sie zum ersten Mal einem breiten Publikum das Investieren in Projekte ermöglichten, die bis zu diesem Zeitpunkt nur Großinvestoren offen gestanden waren

In dieser Lektion lernst du über ICOs (Initial Coin Offerings).

Der Ursprung der ICOs

Es mag Bitcoin gewesen sein, das die Krypto-Revolution ausgelöst hat, aber letztendlich waren es Initial Coin Offerings (ICOs), die die Welt der Blockchain in die Branche verwandelten, die wir heute kennen.

Während Fintech-Projekte wie Online-Zahlungsanbieter und Kryptowährungen die globale Landschaft der Finanzwelt zunehmend verwandeln, entwickeln sich die Möglichkeiten zur Mittelbeschaffung entsprechend den Investitionsmöglichkeiten und neuen Kommunikationskanälen weiter.

Das erste ICO fand statt als ein Softwareentwickler namens J. R. Willett aus Seattle ein neues Protocol Layer für das Bitcoin-Netzwerk entwickeln wollte, um neue Features zu integrieren. Für die Finanzierung dieses Projekts wollte er die dafür erforderlichen Mittel unabhängig von Bootstrapping - von persönlichen Ersparnissen oder Betriebseinnahmen - oder konventionellen Crowdfunding-Plattformen oder Investitionen von Risikokapitalgebern aufstellen.

Stattdessen wollte Willett allen, die an der Finanzierung seiner Unternehmung ”Mastercoin” Interesse hatten, ermöglichen direkt in sein Projekt zu investieren. Er hoffte auf weniger Bürokratie - und außerdem wollte er nicht seine Eigentumsrechte am Projekt aufgeben, was mit der externen Finanzierung durch Risikokapitalgeber verbunden gewesen wäre.

Mit dem Aufkommen der ICOs konnte sich zum ersten Mal ein breites Publikum mit gleichen Chancen auf hohe Renditen an Projekten wie Startups beteiligen. Damit boten ICOs Möglichkeiten, die bis zu diesem Zeitpunkt nur großen und institutionellen Anlegern offen gestanden waren.

 

Wie funktioniert ein ICO?

Wie wir bereits in Lektion 9 für Fortgeschrittene der Bitpanda Academy gelernt haben, handelt es sich bei ICOs oder Token Sales um Online-Veranstaltungen, bei denen Investoren ein Projekt finanzieren und im Gegenzug Token erhalten. 

Der Beweggrund eines Investors ist natürlich die Hoffnung auf die erfolgreiche Durchführung des Projekts. Entsprechend soll der Token an Wert gewinnen und Renditen erzielt werden. Das Grundkonzept der ICOs findet sich im traditionellen Börsengang (IPO, Initial Public Offering), bei dem Unternehmen Unternehmensanteile ausgeben. ICOs führten jedoch ein neues Geschäftsmodell ein.

Mit dem Aufkommen der ICOs konnte sich zum ersten Mal ein breites Publikum mit gleichen Chancen auf hohe Renditen an Projekten wie Startups beteiligen.

Der größte Unterschied zwischen ICOs und den klassischen IPOs bestand darin, dass die meisten bei ICOs ausgegebenen Token - die digitalen Repräsentanten eines Projekts - nicht Unternehmensanteile, sondern sogenannte Utility Token waren. 

Utility Token bieten Anlegern das Recht zur Nutzung eines Produkts oder einer Dienstleistung, jedoch keine Eigentumsanteile an dem Projekt oder Unternehmen. Im Unterschied dazu bieten Security Token Anlegern Dividendenrechte oder Beteiligungen an einem Projekt.

Dank der neuen Möglichkeit, auf transparente und demokratische Weise Mittel für Projekte zu beschaffen, lösten ICOs von Anbeginn bei Unternehmern weltweit einen Hype aus. Sowohl langjährige Investoren als auch komplette Neulinge aus den verschiedensten Bereichen stürmten die Szene, in der Hoffnung ein Stück vom Kuchen zu ergattern.

Da Token wie Kryptowährungen weder von einer Regierung noch einer Bank ausgegeben werden und alle Transaktionen pseudo-anonym sind, unterlagen ICOs in ihren Anfängen keinerlei rechtlichen Rahmenbedingungen und fielen in so gut wie keine rechtliche Zuständigkeit.

Die Bedeutung des Whitepapers

Der Anfang eines jeden ICOs bringt eine Reihe von Aufgaben. Eine Gruppe von Entwicklern codiert eine Blockchain und richtet das Protokoll ein. Es wird ein Anwendungsfall definiert, ein Smart Contract programmiert und die ersten Coins werden geschürft. Die Projekteigentümer erstellen ein Whitepaper - einen übersichtlichen Bericht über alle Leistungen und Eckdaten - für Investoren. 

Im Whitepaper werden die Details des Projekts dargelegt, um es an potenzielle Kryptowährungs-Investoren zu verteilen. Ein Whitepaper dient auch dazu, das Interesse an dem Projekt zu evaluieren und potenzielle Risiken und Bedenken zu bewerten, bevor eine endgültige Version veröffentlicht wird. All dies geschieht in der Vorankündigungsphase des ICOs.

Ein professionelles Whitepaper beschreibt, was während des ICOs verkauft wird - normalerweise Token - und den zugewiesenen Wert, den Gesamtbetrag des benötigten Kapitals und die Vertragsbedingungen. Weiters enthält es Projektdetails wie das Angebot, in dem die Vorteile für Investoren dargelegt werden, eine solide Roadmap (den Zeitplan) des Projekts und den Zeitrahmen ab wann die Investoren voraussichtlich mit Gewinnen rechnen können. 

Ein professionelles Whitepaper beschreibt, was während des ICOs verkauft wird - normalerweise Token - und den zugewiesenen Wert, den Gesamtbetrag des benötigten Kapitals und die Vertragsbedingungen. 

Die Phase vor einem Token Sale ermöglicht interessierten Investoren eine sorgfältige Analyse des Projekts. Gründliche Due Diligence ist hier von entscheidender Bedeutung, da es keine juristischen Personen gibt, die Investoren belangen können, falls sich ein Projekt als Betrug herausstellt.

Besonders in den Anfängen der ICOs war es selten der Fall, dass ein Produkt zum Zeitpunkt des ICOs technisch überhaupt durchführbar gewesen wäre. Infolgedessen prägten nach dem anfänglichen Hype um ICOs unzählige Betrugsfälle auf globaler Ebene die Kryptolandschaft und bescherten zahlreichen Anlegern enorme Verluste. Diese Tatsache brachte die gesamte Branche in massiven Verruf.

Token Sale

Aber zurück zu unserem Beispielfall eines robusten und gut finanzierten Projekts. Hier wird nach Festlegung des ICO-Starttermins, normalerweise einen Monat vor Start des ICOs, mit einer professionellen Website das Marketing gelauncht.

Die Zielgruppe einer solchen Marketingkampagne sind große und institutionelle Investoren. Es gilt, sie über wichtige Online-Kanäle wie Kryptowährungs-Websites und die sozialen Medien zu erreichen und folglich den Preis des Tokens zu erhöhen. Alles in allem besteht die Herausforderung darin, so viel Hype wie möglich um ein Produkt oder ein Unternehmen zu generieren, das sich erst in der Entstehungsphase befindet und in der Branche seine Bekanntheit steigern muss.

Alles in allem besteht die Herausforderung darin, so viel Hype wie möglich um ein Produkt oder ein Unternehmen zu generieren, das sich erst in der Entstehungsphase befindet und in der Branche seine Bekanntheit steigern muss.

Nach Ende der Marketingphase, die manchmal auch eine Vorverkaufsphase umfasst, beginnt der Token-Verkauf entweder durch das Projekt selbst, indem Token direkt in die Wallets von Investoren verteilt werden oder über eine Kryptowährungs-Exchange.

ERC20 Token Standard

Wie bereits in Lektion 9 der Bitpanda Academy für Fortgeschrittene beschrieben, dienen die Richtlinien des ERC20 Standards dazu, die Interoperabilität zwischen Smart Contracts zu fördern. Daher können alle Infrastrukturkomponenten wie Benutzeroberflächen, Exchanges und Wallets problemlos mit einem Smart Contract verbunden werden.

Ethereum-Konten und Guthaben werden von einem System namens “state transitions” geregelt, die im Code in Merkle Patricia Trees gespeichert sind. Mit Merkle Patricia Trees können Daten mit einer großen Menge an Informationen schnell und effizient auf Genauigkeit und Skalierbarkeit überprüft werden. Aus diesem Grund ist ein Großteil der ICOs auf ERC20 Token aufgebaut. ERC20 Token verwenden die komplexen Datenstrukturen von Ethereum und unterliegen daher nicht den technischen Einschränkungen der Bitcoin-Blockchain.

Der “Krypto-Winter” 

Inmitten des ICO-Booms im Jahr 2017 glaubten viele Erst- und Kleininvestoren, dass von ihren Investitionen in ICOs und andere Blockchain-Projekte zahlreiche Akteure nachhaltig profitieren würden. Im Gegensatz zu Risikokapital-Investitionen werden Investitionen in ICOs landläufig mit hoher Liquidität, wenig Dokumentation und geringen Anforderungen verbunden. Aber wo Licht da auch Schatten und ab Anfang 2018 wurden die ersten Risse sichtbar, als so gut wie alle Kryptowährungskurse steil abstürzten und die Phase des Krypto-Winters begann. 

Viele ICOs erwiesen sich nun als Betrugsfälle, durch die ahnungslosen Investoren Millionen gestohlen wurden oder entpuppten sich als nicht registrierte Wertpapierangebote. Das Vertrauen von Investoren und Early Adopters fiel aufgrund fehlender Aufsichtsbehörden und -maßnahmen auf ein Allzeittief. Allmählich wurde klar, dass die Branche der Kryptowährungen nicht weiter unter den vorherrschenden gesetzlosen Bedingungen bestehen bleiben konnte.

Viele ICOs erwiesen sich als Betrugsfälle, durch die ahnungslosen Investoren Millionen gestohlen wurden oder entpuppten sich als nicht registrierte Wertpapierangebote. 


Initial Exchange Offerings (IEOs)

In der Zwischenzeit entwickelte sich das Konzept hinter den ICOs weiter und Token-Fundraising-Events an Kryptowährungs-Exchanges, sogenannte “Initial Exchange Offerings (IEOs)” wurden immer beliebter.

Im Gegensatz zu ICOs werden Token bei IEOs nicht über die Online-Plattform eines Projekts, sondern über eine zwischengeschaltete Exchange gelauncht. Somit sind nicht nur Emittenten und Investoren beteiligt, sondern drei Parteien: Emittenten, Investoren und eine Kryptowährungs-Exchange. Investoren kaufen Token im Gegenzug für die Inanspruchnahme bestimmter Vorteile, ungefähr entsprechend einem Treueprogramm, auf einer Plattform - einem “Ökosystem”.

IEOs bieten eine Reihe von Vorteilen. Abhängig von ihrem Ruf bei Nutzern kann sich eine Exchange auf eine große Benutzeranzahl stützen. Das Listing an einer seriösen Exchange bietet Projekten eine hohe Reichweite, Legitimität und Glaubwürdigkeit, die ansonsten nur schwierig zu generieren wären. Außerdem können Gründer eines Projekts, das einen Token ausstellt, damit rechnen, dass die Exchange nach dem IEO für den Token als Sekundärmarkt zur Verfügung steht. IEOs erhöhen im Gegenzug wiederum das Tradingvolumen an einer Exchange.

Das Listing an einer seriösen Exchange bietet Projekten eine hohe Reichweite, Legitimität und Glaubwürdigkeit, die ansonsten nur schwierig zu generieren wären. 

Die Notwendigkeit regulatorischer Maßnahmen

Derzeit analysieren Aufsichtsbehörden wie die Securities and Exchange Commission (SEC) in den USA die aktuelle Gesetzgebung, die durchschnittliche Anleger “schützen“ soll. Der Howey-Test ist eine Methode, um festzustellen, ob die bei einer Unternehmung oder einem Projekt ausgegebenen Finanzprodukte aus rechtlicher Sicht als Wertpapiere einzustufen sind. Dezentrale digitale Währungen wie Bitcoin lassen sich nach den Kriterien des Howey-Tests nur schwer bis gar nicht als Wertpapiere klassifizieren. Diese Tatsache zieht enorme Auswirkungen auf Kryptowährungen nach sich. 

Kurz gesagt befindet sich die FinTech-Branche noch in ihren Anfängen und braucht verbindliche Regeln und Richtlinien. Sollten digitale Währungen nicht völlig neu klassifiziert werden, da es sich um eine völlig neue Art von Vermögenswerten handelt? Da sich das Fundraising durch ICOs weiterentwickelt, müssen sich Regulierungsbehörden und Experten auf langfristige Bedingungen für die Mittelbeschaffung durch Kryptowährungen einigen. Die wirkliche Demokratisierung des Investierens ist noch nicht erreicht. Dennoch haben ICOs mit neuen Methoden zur Mittelbeschaffung für Fortschritte gesorgt und werden daher immer als Katalysator für die Blockchain-Revolution in Erinnerung bleiben.

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WEITERFÜHRENDE LITERATUR

BÜCHER

  • Hönig, Michaela - ICO und Kryptowährungen: Neue digitale Formen der Kapitalbeschaffung
  • Kirchmayr-Schliesselberger, Sabine et al.  - Kryptowährungen: Krypto-Assets, ICOs und Blockchain

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