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Lektion 11
7 min

Was ist ein ESG-Rating und warum ist es wichtig für Anleger?

Trotz der zunehmenden Bedeutung nichtfinanzieller Faktoren in der Berichterstattung von Unternehmen bei Investitionsentscheidungen werden Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG) noch nicht in standardisierter Weise erfasst und analysiert.

  • Traditionell wurden Investitionen hauptsächlich nach wirtschaftlichen Kriterien wie Rentabilität, Liquidität und Risiko eines Assets bewertet;

  • Investoren und andere Interessengruppen berücksichtigen zunehmend soziale und ökologische Auswirkungen und andere nichtfinanzielle Kriterien, bevor sie Investitionsentscheidungen treffen;

  • Die Buchstaben "ESG" stehen für Umwelt, soziale Standards und Governance (engl. Environment, Social and Government), und betreffende Berichtspflichten werden zunehmend standardisiert, um Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen Unternehmen zu etablieren.

In dieser Lektion lernst du, was ESG-Ratings sind und warum sie für Anleger wichtig sind.

Was bedeutet nachhaltiges Investieren?

Bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen sind nicht nur Innovation, Anpassung und Lernprozesse entscheidend. Um als "erfolgreich" zu gelten, muss ein Unternehmen im Optimalfall mit seinem Angebot auch neue Chancen identifizieren, soziale Werte schaffen und eine wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung gewährleisten.  

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Ein Unternehmen wird von einem Prüfer wie einem Analysehaus als sehr nachhaltig und gleichzeitig von einem anderen als nicht nachhaltig eingestuft. Was steckt hinter diesen unterschiedlichen Ergebnissen? 

Einer der Gründe dafür ist zum Beispiel, dass es große Unterschiede zwischen den Ansätzen europäischer und amerikanischer Unternehmen bei der Bewertung von Nachhaltigkeit gibt, da die Definition von Nachhaltigkeit global nicht einheitlich ist. 

Dies bringt die Anleger in eine Zwickmühle, denn idealerweise sollten alle drei Kriterien – Umwelt, Nachhaltigkeit und Unternehmensführung (Governance) – neben anderen Faktoren wie Dividenden in eine Bewertung auf der Grundlage standardisierter Definitionen einbezogen werden. 

Es gibt viele Facetten, die den Standardisierungsprozess verlangsamen, wie z. B. die Befürchtung der Unternehmen, dass ihre Wettbewerbsposition negativ beeinflusst werden könnte oder dass sie mit den Interessen der Stakeholder auf verschiedenen Ebenen in Konflikt geraten. Nichtsdestotrotz ist die Umsetzung solider ESG-Strategien von entscheidender Bedeutung für Unternehmen, da ihr Verhalten zunehmend Einfluss darauf hat, wie sie von Anlegern und letztlich von der Gesellschaft insgesamt gesehen und bewertet werden. 

Das Verhalten eines Unternehmens beeinflusst, wie es von Anlegern und letztlich von der Gesellschaft insgesamt gesehen wird. 

Was ist der Ursprung des ESG Investing?

Erste Versuche, die nichtfinanzielle Berichterstattung in der Kosten-Nutzen-Analyse von Unternehmen zu berücksichtigen, liegen fast 50 Jahre zurück. Der von einem Unternehmen erwirtschaftete Gewinn oder Verlust wird in der Betriebsbuchhaltung als "unterm Strich" (engl. “beneath the bottom line”) bezeichnet. 

Im Jahr 1994 entwickelte der Schriftsteller John Elkington den Begriff "Triple Bottom Line” (dt. “Dreifachbilanz”) – "Profit, People and the Planet" (dt. in etwa “soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit”) – auch TBL oder RBL abgekürzt, um neben den finanziellen Auswirkungen auch soziale und ökologische Faktoren bei der Bewertung der Leistung eines Unternehmens zu berücksichtigen. Seitdem hat sich dieses Konzept als Grundlage für nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Investieren (SRI) zu ESG entwickelt. 

Welche Beispiele für eine nachhaltige Unternehmensführung gibt es?

Werfen wir einen Blick auf einige Beispiele für verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Verhalten eines Unternehmens oder umgekehrt, das die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich ziehen könnte. 

Ökologische Faktoren (Umweltfaktoren)

Nehmen wir an, du erfährst in den Medien, dass ein börsennotiertes Bekleidungsunternehmen für die Herstellung seiner Waren übermäßig viel Wasser benötigt, was zu einer Wasserknappheit führt, von der die gesamte Ortschaft neben der Hauptproduktionsstätte betroffen ist. Du weißt, dass du über einen börsengehandelten Fonds (ETF) dein Geld in einen Index angelegt hast, in dem dieses Unternehmen enthalten ist. Wie gehst du mit dieser Tatsache um? Würde sie deine Entscheidung beeinflussen, in die Aktien dieses Unternehmens zu investieren?

Bis vor kurzem noch weitgehend unterschätzt, rücken soziale Aspekte ins Rampenlicht und ins Blickfeld potenzieller Investoren. 

Ein anderes Unternehmen ist bei der Herstellung seiner Produkte in hohem Maße auf Palmöl angewiesen und treibt damit die Abholzung der Regenwälder voran, was dazu führt, dass Tierarten an den Rand des Aussterbens gedrängt werden und die Klimakrise verschärft wird. Das Unternehmen gibt bekannt, dass es ein umfangreiches Wiederaufforstungsprogramm zum Schutz der Artenvielfalt in den Regenwäldern durchgeführen wird. Wie würde sich dies auf das ESG-Rating dieses Unternehmens auswirken?

Soziale Faktoren

Soziale Aspekte, die bis vor kurzem noch weitgehend unterschätzt wurden, rücken zusehends ins Rampenlicht und ins Blickfeld potenzieller Investoren und gewinnen bei der Entscheidungsfindung im Bereich der privaten Finanzen zunehmend an Bedeutung. Gesellschaftliche Themen wie Diversität und Gleichstellung der Geschlechter stehen zunehmend im Interesse der Öffentlichkeit. Zu den sozialen Faktoren gehören aber auch das Bestreben eines Unternehmens um einen effizienten und effektiven Kundendienst, um die Kundenzufriedenheit zu gewährleisten, sowie herausragende Maßnahmen zum Datenschutz seiner Nutzer. 

Ein weiteres Beispiel ist ein Hersteller, der in der gesamten Lieferkette seines Produkts eine Sorgfaltsprüfung der Menschenrechte durchführt, um sicherzustellen, dass bei der Herstellung keine Zwangs- oder Kinderarbeit zum Einsatz kommt. Ein soziales Anliegen ist auch, dass die Arbeitnehmerrechte geachtet und geschützt werden und ein Unternehmen dafür Sorge trägt, dass faire Arbeitsbedingungen eingehalten werden. 

Unternehmen können mit eigenen Programmen das Engagement ihrer Mitarbeiter fördern oder durch regelmäßige Veranstaltungen sowie Kampagnen neue Maßstäbe in den Beziehungen zur Gemeinde am Unternehmensstandort setzen. Dank der Digitalisierung und Vernetzung verbreiten sich sowohl negative als auch positive Nachrichten wie ein Lauffeuer und beeinflussen innerhalb von Sekunden die öffentliche Meinung und letztlich auch Aktienkurse und Bewertungen. 

Europa arbeitet daran, im Rahmen des Europäischen Grünen Deals der erste klimaneutrale Kontinent der Welt zu werden.

Governance (Unternehmensführung)

Bei der Unternehmensführung geht es um die Festlegung von Erwartungen, Verantwortlichkeiten und Rechten der verschiedener Stakeholder in Bezug auf die Art und Weise, wie ein Unternehmen (oder auch eine Regierung) geführt und geleitet wird. Bei nichtfinanziellen Fragen der Unternehmensführung kann es um den Missbrauch von Nutzerdaten durch ein Unternehmen gehen, um die Verbreitung von Fake News zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung oder um die Verschleierung falscher Abgaswerte gegenüber Kunden in der Automobilindustrie. Aktionäre erwarten von Unternehmen, dass sie, genauso wie in Bezug auf Umweltpolitik und gesellschaftspositives Verhalten, angemessene Governance-Praktiken festlegen, die sich auch mit diesen überschneiden können.

 

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Was wird im Hinblick auf die Standardisierung von ESG unternommen?

Um sicherzustellen, dass Unternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger Zugang zu angemessenen Definitionen dafür haben, welche Aktivitäten ökologisch nachhaltig sind, wurde die EU-Taxonomie als Klassifizierungssystem eingeführt. Europa arbeitet daran, im Rahmen des Europäischen Grünen Deals der erste klimaneutrale Kontinent der Welt zu werden. Die EU-Taxonomie soll diesen Prozess unterstützen. 

Derzeit laufen mehrere EU-Richtlinien (Rechtsakte, die ein von allen EU-Ländern zu erreichendes Ziel vorgeben) oder sind in Vorbereitung, um die ESG-Berichterstattung (nichtfinanzielle Berichterstattung) in der Finanzunion zu fördern und die Vergleichbarkeit und größere Transparenz zwischen Unternehmen zu gewährleisten.

Wichtige EU-Richtlinien

Die Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen (NFRD) war die erste Richtlinie, die große Unternehmen zur Offenlegung und Veröffentlichung von Informationen über Umweltfragen, soziale Angelegenheiten und die Behandlung von Arbeitnehmern, die Achtung der Menschenrechte, die Bekämpfung von Korruption und Bestechung sowie die Vielfalt in den Unternehmensvorständen (in Bezug auf Geschlecht, Ausbildung und beruflichen Hintergrund) verpflichtet.

Die Anforderungen an die künftige Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) ändern die Berichtspflichten des NFRD und sollen bis Dezember 2022 in österreichisches Recht umgesetzt werden. Um der CSRD zu entsprechen, müssen Unternehmen zusätzlich zur Einhaltung der NFRD die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsaspekten auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens sowie die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf Nachhaltigkeitsaspekte erfassen.

So muss die Berichterstattung Angaben über die Nachhaltigkeitsziele eines Unternehmens, die Rolle des Vorstands und des Aufsichtsrats bei der Erfüllung dieser Ziele, die wichtigsten negativen Auswirkungen des Unternehmens auf die Umwelt und über immaterielle Ressourcen, die noch nicht in der Bilanz ausgewiesen sind, enthalten.

Die Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzsektor (SFDR) trat 2021 in Kraft und enthält Bestimmungen, die von "Greenwashing" (irreführenden Informationen über umweltfreundliches Verhalten) abhalten und gleichzeitig sicherstellen, dass die Teilnehmer an den Finanzmärkten in der Lage sind, langfristiges Wachstum auf nachhaltige Weise zu finanzieren. 

Der Fahrplan der SFDR sieht vor, "die Kapitalströme auf nachhaltige Investitionen und weg von Sektoren, die zur globalen Erwärmung beitragen (d. h. fossile Brennstoffe), neu auszurichten, finanzielle Risiken, die sich aus dem Klimawandel ergeben, zu managen und eine größere Transparenz und Langfristigkeit der Finanz- und Wirtschaftstätigkeit zu fördern, um ein nachhaltiges und integratives Wachstum zu erreichen". 

Die Richtlinie enthält Anforderungen sowohl auf Unternehmens- als auch auf Produktebene. Darüber hinaus müssen die Finanzmarktteilnehmer angeben, ob sie die so genannten Principle Adverse Impacts (PAI) einhalten und wenn nicht, warum. Die PAIs umfassen 66 einzuhaltende Punkte.  

Zusammenfassend soll das EU-Recht sicherstellen, dass alle interessierten Parteien, einschließlich Investoren, Zugang zu den sozialen und ökologischen Auswirkungen und der nichtfinanziellen Berichterstattung großer Unternehmen gewährt wird, um diese zur verantwortungsvollen Unternehmensführung zu verpflichten. Diese Richtlinien bilden jedoch nur den Anfang der Einführung von Berichterstattungspflichten, die die Unternehmen in Zukunft erfüllen müssen. 

WEITERFÜHRENDE LITERATUR

BÜCHER

  • Baumüller, Josef - Nichtfinanzielle Berichterstattung

  • Hirth, Stefanie - Ökonomische Auswirkungen nichtfinanzieller Berichterstattung am Kapitalmarkt und für Unternehmen

Bald externe Prüfpflicht für Nachhaltigkeit

EU-Taxonomie: Deutlich mehr als nur ein Transparenzinstrument

Finanzbranche hat bei ESG-Daten die Qual der Wahl

ESG und warum es uns wichtig ist

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